Archäologie in Künzing

Bereits 1874 war in Künzing ein römisches Hilfstruppenkastell in einer ersten Ausgrabung entdeckt und in seiner Ausdehnung dokumentiert worden. In den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war  dann, einer drohenden Überbauung des Ortszentrums vorgreifend, das Kastell mit seiner Innenbebauung durch H. Schönberger exemplarisch untersucht worden. Es galt daraufhin lange Zeit als das am besten erforschte Hilfstruppenkastell. In den seit 1980 andauernden Grabungskampagnen der Kreisarchäologie Deggendorf schließlich kamen neben überwältigenden Fundmengen, überwiegend im Bereich des römischen Ostvicus, eine große Zahl vorgeschichtlicher Funde und Befunde zu tage.

Jungsteinzeit

Mit dem Eintritt in die Jungsteinzeit im 6. Jahrtausend v. Chr. können wir erstmals Siedlungsspuren unserer Vorfahren in Künzing feststellen: Der Grund dafür ist, dass sich in dieser Zeit die Wirtschaftsform der Menschen grundlegend verändert. Waren sie in den vorhergehenden Jahrtausenden Jäger und Sammler, werden sie nun sesshaft und entwickeln die ersten bäuerlichen Strukturen: Die grundlegende Voraussetzung für die archäologisch fassbaren Hausstrukturen aber auch für die Weiterentwicklung von Hausstand und Gerätschaften ist damit geschaffen.

In den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte im Künzinger Ortsteil Unternberg unter Einbindung internationaler Experten von Universitäten und Denkmalämtern (München, Tübingen, Heidelberg, Wien, Brünn, Bratislava, Budapest) eine eindrucksvolle mittelneolithische Kreisgrabenanlage ausgegraben werden. Aus der dazu gehörigen Siedlung wurden große Mengen von Fundmaterial geborgen, darunter 30.000 Scherben und 20.000 Knochen. Das gigantische Erdwerk, für dessen Erstellung 12.000 Kubikmeter Erde bewegt werden mussten, zeugt von einer erstaunlichen organisatorischen Leistungsfähigkeit der Menschen, die im 5. Jahrtausend vor Christus in Künzing siedelten. Archäologische Indizien lassen vermuten, dass es sich bei der ganzen Anlage um einen riesigen Kultplatz handelte, die damals verehrten Gottheiten jedoch bleiben uns bis heute unbekannt.

Metallzeiten

Im 3. Jahrtausend vor Christus gelang es, den Werkstoff Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn, herzustellen, die der Bronzezeit ihren Namen gab. Eine eindrucksvolle Auswahl von Funden zeigt, dass aus dem zunächst sehr wertvollen Material v.a. Waffen und Schmuck, gefertigt wurden.

Archäologische Untersuchungen brachten in Künzing einen der größten und bedeutendsten Bestattungsplätze der späten Bronze- und frühen Eisenzeit in Süddeutschland zu Tage. Die über 800 Grablegen wurden in einem Zeitraum vom späten 11. bis zum beginnenden 5. Jahrhundert v. Chr., also während der Urnenfelder- und Hallstattzeit, dem Boden übergeben.

Mehrere Grabbefunde mit reichen Beigaben weisen auf Bestattungen herausragender Personen hin. Bereits 2003 kam ein mit Zaumzeug und Wagenteilen ausgestattetes Urnengrab zu Tage, 2008 wurde ein weiteres, außerordentlich reich ausgestattetes Grab geborgen. In der größten Urne des Gräberfeldes kamen neben Zaumzeug und Wagenteilen auch zwei Bronzegefäßen zu Tage: Ein bronzenes Schöpfgefäß sowie ein größeres amphorenähnliches Gefäß aus Bronzeblech, für das sich europaweit nur sehr wenige Parallelen finden lassen.

Auch verschiedene andere Handwerkszweige zeigen eine deutliche Weiterentwicklung: Beispiele dafür sind etwa ein urnenzeitlicher Webstuhl, im Museum Quintana als gebrauchsfähiges Modell nachgebaut, wie auch die nun mit verschiedenem Dekor versehenen Tongefäße.

Römerzeit

Um 90 nach Christus wurde das römische Hilfstruppenkastell Quintanis in Künzig gegründet. Seine durch eine starke Außenmauer geschützte Innenfläche von ca. zwei Hektar bot einer Besatzung von 500 Mann inclusive einer Abteilung von 120 Reitern Platz. Ein Modell eines Teils des Kastells gibt Einblick in Verwaltungsgebäude, Hospital, Soldatenunterkünfte und Pferdeställe.

Verschiedene Metall-Hortfunde zeigen nicht nur eine große Auswahl an originalen Waffen und Geräten, sondern erzählen auch die Geschichte vom gewaltsamen Ende des Kastells in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr.: Sie wurden als Beutestücke aus Überfällen von Plünderern vergraben.

Nicht nur das Militärwesen, sondern auch den Alltag spiegeln die Exponate aus Kastell und umgebenden Lagerdorf: Spielsteine, Schmuck und Schreibgriffel, einfaches Gebrauchsgeschirr wie feine Terra Sigillata, das Tafelgeschirr der Römer. Einen besonderen Schatz des Museums stellen die Militärdiplome dar, die einem nichtrömischen Soldaten der römischen Hilfstruppen nach 25 Jahren Dienstzeit das römische Bürgerrecht und das Eherecht verliehen.

2003 gelang der Kreisarchäologie Deggendorf eine sensationelle Entdeckung: Ein ehemals in Holz errichtetes, oberirdisch nicht mehr erkennbares Amphitheater, mit dem an dem kleinen Künzinger Truppenstandort niemals gerechnet wurde. Ein Modell zeigt eine Rekonstruktion der ovalen Arena mit den Abmessungen 34,6 m (= 117 römische Fuß) mal 29,6 m (=100 Fuß) in Nord-Süd-Richtung. Der Gesamtdurchmesser mit den hölzernen Tribünen, auf denen etwa 600 Personen Platz finden konnten, betrug 46 x 40 m (155 x 135 Fuß).

Spätantike und Frühmittelalter

Nur wenige, dafür aber umso bedeutendere Funde zeugen von der Geschichte Künzings nach der Zerstörung des mittelkaiserzeitlichen Kastells in der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus. Sie belegen die ununterbrochene Weiterbesiedelung des Ortsgebietes auch in den Wirren der Völkerwanderungszeit.

Von einem spätantiken Kastell und der in der Lebensbeschreibung des heiligen Severin erwähnten kleinen Kirche Künzings wurden bis heute archäologisch keine Reste nachgewiesen. Aus dieser Severinsvita – einem Originaldokument des 5. Jahrhunderts – wissen wir, dass die christianisierte, romanische Bevölkerung sich in der Spätantike in ständiger Unruhe gegen die aus dem Osten einwandernden germanischen Stämme zur Wehr setzen musste. Schließlich führte Severin die Bevölkerung aus den romanischen Kastellen in gesicherte Siedlungen weiter nach Osten und im Ende des 5. Jahrhunderts endgültig nach Italien zurück.

Für das frühe Mittelalter belegen Funde aus einem großen bajuwarischen Gräbefeld Tracht und Ausrüstung der hier im 6. bis 8. Jahrhundert ansässigen Bajuwaren.

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