Befund 561 – „Die Tote von Niederpöring“

Das neue Highlight im Museum Quintana – Archäologie in Künzing: Begegnen Sie der „Toten von Niederpöring“ und erleben Sie Steinzeit „live“. Im Museum wird die „Tote“ zu neuem Leben erweckt.

Bildnachweis: Plastische, wissenschaftliche Rekonstruktion einer jungst. Frau von W. Schnaubelt & N. Kieser – Atelier WILD LIFE ART, Germany.

Der Hintergrund

„Befund 561“ – so haben die Ausgräber von der Kreisarchäologie Deggendorf die sensationelle Entdeckung einer Bestattung aus der Jungsteinzeit im Fachjargon zunächst bezeichnet,  die 2015 bei Ausgrabungen in Niederpöring im Landkreis Deggendorf, zusammen mit sechs anderen jungsteinzeitlichen Bestattungen entdeckt wurde. Das Gräberfeld von Niederpöring stammt aus der Zeit der ältesten jungsteinzeitlichen Kultur Süddeutschlands, der sogenannten Linienbandkeramik (5.500 – 5.000 v. Chr.). Auf dem steinzeitlichen Friedhof beerdigten die Nachfahren der ersten Ackerbauern, die ungefähr 500 Jahre zuvor aus Anatolien über den Balkan eingewandert waren, ihre Verstorbenen, denen sie Beigaben wie Schmuck, Werkzeug und Keramik in die Gräber gaben. Durch die Lage am Ortsrand von Niederpöring, an einer steilen Terrassenkante zur Isar hin, wurde der Großteil des Gräberfelds, das ehemals sicherlich deutlich mehr Gräber umfasste, im Lauf der Zeit weggespült.

Einer glücklichen Fügung der Geschichte ist es wohl zu verdanken, dass sich mit der entdeckten Grabgruppe anscheinend die am reichsten ausgestatteten Gräber des Friedhofs erhalten haben, von denen besonders die Bestattung einer Frau mittleren Alters – eben der erwähnte „Befund 561“ – herausragt. Am Kopf der Verstorbenen konnten die Reste eines Kopfschmucks aus 207 Gehäusen der heute seltenen Donaukahnschnecke festgestellt werden, die mit einem Band rund um den Hinterkopf befestigt waren. Ursprünglich waren an dem Band, das vermutlich aus Leder bestand, rund 400 Gehäuse befestigt. Derartiger jungsteinzeitlicher Schneckenschmuck ist, in schlichterer Ausführung, nur aus insgesamt sieben anderen jungsteinzeitlichen Gräbern in Süddeutschland bekannt. Es liegt daher nahe, in der „Toten von Niederpöring“ eine Person gehobener sozialer Stellung zu vermuten.

Um den aufsehenerregenden archäologischen Fund nachhaltig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde 2017  in Kooperation mit der Kreisarchäologie Deggendorf (Dipl.-Ing. Stefan Hanöffner M.A.) und Dr. Joachim Pechtl als wissenschaftlichen Spezialisten für die ältere Jungsteinzeit mit den Planungen und der wissenschaftlichen Grundlagenermittlung für eine Vitrinenstation im Museum Quintana in Künzing (Landkreis Deggendorf) begonnen.

Die Forschungen

Um die Grundlagen für die Präsentation zu schaffen, wurden Befund 561 sowie die anderen Gräber des Gräberfelds archäologisch bearbeitet und untersucht. Um mehr über die bestatteten Personen zu erfahren, wurden außerdem modernste naturwissenschaftliche Verfahren wie Genanalysen und Strontiumisotopenanalysen eingesetzt.

Spannend gestaltete sich dabei zunächst die Frage nach dem Geschlecht der bestatteten Person in Befund 561. Die anthropologische Geschlechtsbestimmung durch Prof. Dr. Gisela Gruppe von der LMU München sprachen nämlich wegen der eher männlichen Form des Schädels für einen Mann. Die Analyse von DNA-Material, das aus dem Belag von Zähnen aus dem im Gegensatz zum Rest des Skeletts relativ gut erhaltenen Schädels entnommen wurde, ergab jedoch, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau gehandelt hat. Die Genanalysen zeigen außerdem die Verwandtschaft der „Toten von Niederpöring“ mit zeitgleich lebenden Gruppen in Anatolien, nicht aber mit modernen Europäern. Aufgewachsen ist die Steinzeitfrau, wie eine ebenfalls an den Zähnen durchgeführte Isotopenuntersuchung ergab, aber bereits in der Umgebung von Niederpöring.

Die Rekonstruktion

Auf Basis der wissenschaftlichen Untersuchungen wurde für die Vitrinenstation im Museum eine Büste mit einer lebensechten Gesichtsrekonstruktion der „Toten von Niederpöring“ von W. Schnaubelt und N. Kieser vom Atelier WILD LIFE ART angefertigt, die im Bereich der Archäologie u.a. für ihre wissenschftlich exakt rekonstruierten Büsten von Hominiden wie dem Homo erecuts bekannt sind.

Für das Museum Quintana haben Schnaubelt und Kieser eine plastische, wissenschaftliche Gesichtsrekonstruktion der „Toten von Niederpöring“ in Form einer Büste geschaffen und die im Museum ausgestellten sterblichen Überreste damit zu neuem Leben erweckt. Das Besondere an der von ihnen für das Museum Quintana umgesetzten Rekonstruktion ist, dass sie zeigt, wie die Steinzeitdame zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte. Ausgangspunkt der plastischen, wissenschaftlichen Rekonstruktion im Atelier WILD LIFE ART bildete dabei der ein 3D-Druck des Original-Schädels. In diesen wurden zunächst mundgeblasene Augen-prothesen eingesetzt. Danach wurdenGewebe, Muskeln und das einstige Gesicht durch das Anbringen von Abstandsmarkern an wichtigen Stellen des Schädels sowie anhand von Informationen über Alter und Konstitution bestimmt und aus Ton modelliert. Das fertige Tonmodell wurde dann mit Silikonkautschuk abgeformt und eine Büste aus weichem, hautähnlichem Material erstellt. Den Abschluss bildete die Kolorierung mittels Airbrush sowie die Implantation von echten Menschenhaaren.

Text zur Entstehung einer plastischen, wissenschaftlichen Gesichsrekonstruktion: Copyright by WILD LIFE ART

Archäologische Recherche / Koordination der naturwissenschaftlichen Analysen: Dr. Joachim Pechtl

Finanzierung: Gemeinde Künzing, Museum Quintana, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, Landkreis Deggendorf, Museumsverein Künzing